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Die rosige Zukunft beginnt jetzt. Eine Polemik
Der Aufschwung ist in Deutschland angekommen, erzählen die Politiker. Doch dass die Zukunft rosig wird, meinen nur die wenigsten. Das Dilemma: Nehmen wir die Gegenwart nicht positiv wahr, wird auch die Zukunft kaum besser werden. Dabei ist es nicht immer echte Armut, die schlechte Stimmung verbreitet, sondern viel öfter Unzufriedenheit und Missgunst. Gibt es ein Mittel gegen die Polarisierung in der Gesellschaft?

Traute Seemann

        


 
enauso wenig wie die Perspektive der Wirtschaft eine einzige ist, ist es die Wahrnehmung derselben durch die an ihr Beteiligten und diejenigen, die den Wirtschaftsbetrieb längst schon nur noch von außen betrachten können. Was selbstverständlich klingt, stellt ein Problem für Politik und Wirtschaft dar. Denn der Mensch macht sein Handeln von der Wahrnehmung der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig und die Wahrnehmung der Gegenwart kann zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Ein Beispiel dafür ist der Aufschwung. Er ist laut Politik nämlich da. Der Arbeitnehmer soll sich seiner Arbeit sicher fühlen und der Konsum soll anspringen, um dem Aufschwung auf die nächste Stufe zu helfen. Aber die Hurrastimmung greift aus den Plenarsälen der Politik nicht auf die Bevölkerung über. Selbst aufstrebende, junge, gut ausgebildete Doppelverdiener rechnen ihre Kinderwünsche hin und her und kalkulieren  man weiß ja nie, was kommt  Aufschläge in ihre Anschaffungspläne. Und wie schon oft zu hören war, trennt sich der Deutsche noch immer nicht von seinem Sparbuch. Wieso leben selbst die Etablierten nach dem Motto  die Zukunft sah auch schon mal besser aus?

Laut Sinus-Umfrage glaubt zumindest ein hoher Anteil der Immigranten an eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien. Davon getragen arbeitet und studiert ein Teil dieser Gruppe hart und stößt vor auf die vorderen Plätze an Universitäten und im Beruf. Wieso glauben ausgerechnet diejenigen an den persönlichen Aufschwung, die auf ihrem Weg den meisten Hindernissen begegnen? Und sehen die Deutschen ihre Zukunft nun noch nicht schwarz genug, um zu verstehen, dass nur konsequente Arbeit ihre Misere lösen kann oder wähnen sie sich schon derart verloren, dass rein gar nichts mehr hilft? Außer natürlich Vitamin B, das die Anderen immer haben und das nur einem selbst verwehrt bleibt.

Gewinnen tun immer nur die anderen?
Der Aufschwung geht an einem vorbei und bedeutet demnach in letzter Konsequenz Arbeit für die anderen. Man selbst bleibt ausgetrickst mit ein oder zwei Minijobs an den Anfängen der Wohlfahrtsstraße mit der Angst zurück, noch tiefer abzustürzen in Armut und Unsichtbarkeit. Manche Menschen beschleicht dieses Gefühl zu Recht. Denn es kann nicht bestritten werden, dass sich Arbeit, unabhängig von Bildung und Herkunft, längst nicht mehr für alle lohnt.

Und bei einigen geht es nicht nur darum, sich eine Urlaubsreise leisten zu können oder nicht. Ihnen fehlt vorrangig die Chance medizinisch optimal versorgt zu werden, an gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen und sich gesund zu ernähren. Auch diese Faktoren müssen im weiteren Sinne der Chancengleichheit zugerechnet werden. Trotz dieser echten Armut erhitzt die Urlaubsfrage die Gemüter der selbst definierten Armen, die echten Armen haben neben weiteren die eben genannten existentiellen Sorgen. Dennoch, aus Unsicherheit oder weil sie schlicht nimmersatt sind, debattieren sich Menschen an das Ende der sozialen Leiter, denen es nicht genug ist, einmal pro Jahr in den Süden zu fliegen. Ginge es nach ihnen, lebte jeder in Deutschland unter der Armutsgrenze, der sich nur einmal Spanien leisten kann.

Arm oder reich?
Arm sind diese Menschen nicht. Sie sind lediglich unzufrieden, weil ihnen die Möglichkeit fehlt, die schier unendliche Anzahl der angebotenen Konsummöglichkeiten auszuschöpfen. Das Marketing erreicht über moderne Medien alle sozialen Schichten und generiert eine riesige Anzahl von Wünschen. Doch obwohl wir heute mehr konsumieren als noch vor einigen Jahren, bleibt subjektiv trotzdem eine größere Anzahl an Wünschen auf der Strecke  der Mensch wird, gemessen an seinen unerfüllten Wohlstandswünschen, ärmer. Fazit: Die Proportion von unerfüllten Wünschen zum relativen Einkommen ist der Faktor, der die Erosion unseres Wohlstandsempfindens misst.

Unsere Zuversicht und unser Sicherheitsempfinden werden von weiteren Umweltfaktoren geprägt. Ist das eigene Umfeld pessimistisch, neigt man selbst dazu, die Zukunft weniger rosig zu sehen. Wer in einem Umfeld lebt, das von Betrunkenen vor den Kiosken geprägt ist, hält den gesellschaftlichen Verfall für fortgeschrittener als jemand, der in einem gepflegten Stadtteil wohnt. Die Tatsache, dass man vor dem 1. Mai das Auto nicht in Sicherheit bringen muss, der Sperrmüll nicht einfach auf dem Gehsteig abgeworfen wird und dass nicht Menschen Leergut aus Mülltonnen fischen, trägt zu unserer positiven Wahrnehmung der gesellschaftlichen Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs bei.

Doch die Lösung kann nicht sein, die Betrunkenen und Flaschensammler unsichtbar zu machen. Diesen Menschen muss eine Zukunft angeboten und ermöglicht werden. Auch allen anderen eine Zukunft zu geben, die als solche als optimistisch empfunden und somit zur selbsterfüllenden positiven Prophezeiung wird, das ist notwendig, um gesellschaftlicher Missgunst und Polarisierung vorzubeugen. Und hier sind nicht nur Politik und Nationalelf gefragt, sondern jeder Einzelne. Öfter mal lächeln, keine Kippen aus dem Fenster schnippen und auch mal an die eigenen Fähigkeiten glauben, kann schon helfen. Auch heißt es, Menschen, die anderen helfen seien glücklicher und zuversichtlicher. Deshalb also ruhig der Miseren des Umfelds annehmen, seien es Freunde, Nachbarn oder die ökologische Umwelt, ohne darin gleich das eigene Unglück zu lesen. Oder im Notfall einfach Oma fragen. Es ist noch immer gut gegangen, hört man dann. Und sie muss es wissen.  

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